Ich die Raupe Nimmersatt – Von der hohen Kunst des Genießens

Etwas oder Jemanden so richtig genießen können gehört wohl zu den absoluten Highlights unseres Lebens. Genuss und genießen können ist etwas Großartiges! Das wusste wohl auch Martin Luther, der da einst sagteWer nicht liebt Weib, Wein und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang.  Was wir unter Genuss verstehen und in welcher Art und Weise wir ihn zelebrieren bleibt natürlich jedem selbst überlassen. Ob nun Wein, Weib und Gesang oder Tee, Tier und Techno, jeder ist selbst für seine Genussmomente verantwortlich.

Leider ist das mit dem Genuss und genießen können gar nicht mal so einfach. Das stelle ich immer wieder fest, wenn ich Menschen in Sachen Gesundheit berate aber natürlich auch an mir selbst. Denn auch ich als selbsternannte High-End Genießerin muss mir dir Frage stellen Wo fängt Genuss eigentlich an und wo hört er auf?“ Gar nicht genießen können ist schlimm und leider kommt auch das nicht selten vor. Wer mal handfeste Depressionen hatte weiß was ich meine. Aber auch ein Zuviel an Genussmomenten verdirbt den Effekt. Frei nach dem Motto „Wenn ich was toll finde, will ich es und zwar so viel wie möglich“. Nehmen wir mal ein unverfängliches Beispiel. Der Sommer kommt und auch das Eis. Spaghettieis. Allein der Gedanke daran setzt meinen Speichel in Gange. Nun sitzt man in der Eisdiele und hat die Möglichkeit eine kleine oder große Portion zu nehmen. Instinktiv nehme ich natürlich die große Portion. Klar! Der Anblick, die erste Hälfte ist großartig, Genuss pur! Aber dann? Irgendwann stell ich fest, dass es anfängt im Bauch zu drücken und der Löffel nicht mehr so voller Vorfreude in den Mund wandert. Aus dem wahren Genuss ist ein „Ich ess das jetzt auf, weil es da ist und eigentlich so lecker“ geworden. Aufgeben ist nicht. Habe ja auch dafür bezahlt! Ist das jetzt noch Genuss oder schon Verdruss? Und welchen Sinn macht der Genuss für den Moment, wenn ich danach Baudrücken habe oder ein schlechtes Gewissen?

Wir tendieren oftmals dazu von allem, was wir gut finden möglichst viel haben zu wollen. Viel Essen, viel Shopping, viel Alkohol, viel Party, viel rauchen, viel Zuneigung, viel Emotionen.  Überall Genussmittel wo man nur hinschaut. Davon haben wir mehr als ausreichend, aber auch unser Bedarf steigt. Genuss ist gleichzusetzen mit positiven Emotionen. Das bedeutet, Freude, Lachen, Wohlfühlen, Glücksmomente, Entspannung, Tagträumen und vieles mehr (täglich) erleben zu können. In einer Zeit, wo Herausforderungen, Zeitdruck, Leistungsanforderungen zum Alltag gehören und neben dem Beruf auch Familie, Haushalt und Kindererziehung energieintensive Bereiche darstellen, kann Genussfähigkeit und Genussfertigkeit und natürlich die regelmäßige Integration dieser in den Alltag vor negativen Auswirkungen vieler Stressoren schützen. Die Kunst hierbei ist es herauszufiltern welche Momente ich wirklich genießen kann ohne, dass Sie mir langfristig schaden.


Genussregeln: Klingt doof? Ist es aber nicht. Denn so könnt ihr noch besser genießen!

Genuss braucht Zeit.

Das bedeutet Entschleunigung und selbst gewählte Zeit, um sich zu ordnen und regenerieren. Zeit muss man sich  nehmen, um sich einen Freiraum für Genuss zu schaffen.

Genuss muss erlaubt sein.

Wie sagt man so „Gönn dir“. Nicht für jeden ist das eine Selbstverständlichkeit. Du darfst genießen!

Genuss geht nicht nebenbei.

Ganz wichtig! Beim Genießen müssen wir unsere Aufmerksamkeit auf einen relativ engen Bereich richten und können dann nichts anderes nebenbei tun. Also, Handy weg wenn ihr ganz bewusst und effektiv genießen wollt.

Wissen, was einem gut tut – Jedem das Seine.

Vorlieben sind personell-, alters- oder umfeldspezifische Angelegenheiten und darüber lässt sich nicht streiten. Jeder Einzelne sollte aber seine Vorlieben kennen(lernen)und sich auch nicht durch Skepsis von anderen davon abbringen lassen. Was spricht z.B. gegen ein Marillenmarmeladebrot mit Tomaten oder ein Mittagsschläfchen, oder Laufen im Regen, oder Kaffee mit Schmalzbrot und einer Salzgurke?

Weniger ist mehr.

Dinge, die uns gefallen, möchten wir möglichst unbegrenzt um uns haben. Jedoch bei einem Überangebot ist Genuss nicht mehr möglich. Sättigung schließt Genuss aus. Quantität schlägt nicht in Qualität um.

Ohne Erfahrung kein Genuss.

Wenn wir in bestimmten Bereichen über Vorerfahrung verfügen und unsere Vorlieben klar benennen können, so ist dies dem Genusserleben zuträglich. Tee- oder KaffeeliebhaberInnen ermöglichen sich durch die Wahl der Mischung oder Röstung genussvolle Geschmacksnuancen. Routinierte LäuferInnen wissen, welche Strecke für sie genussvoll ist. SaunagängerInnen wissen genau, welche Rituale und Bedingungen zu dem schwitzenden Hochgenuss beitragen. Feine Unterschiede dieser Art erkennen-Können, kann erlernt werden und kommt nicht von alleine.

Genuss ist alltäglich.

Jedem Menschen sind eine Reihe von Alltäglichkeiten geläufig, die er als genussvoll erlebt: Genuss ist im alltäglichen Leben auffindbar. Es bedarf keiner außerordentlichen Ereignisse, damit Genuss erfahrbar wird. Tägliche Genusssituationen sind so wichtig wie Zähneputzen, nur sollte man sich solche öfter als drei Mal täglich schaffen

Askese kann Genuss erhöhen.

Bedürfnisaufschub und temporäre Enthaltsamkeit können das nachfolgende Genusserleben verstärken. Nach einer körperlichen Anstrengung kann manches Genusserlebnis (Dusche, Essen, Schlafen,…) intensiver sein. Ein Spaziergang in der Kälte, wird den Genuss eines wohlschmeckenden heißen Tees erhöhen, ein heißer Sommertag wiederum den Genuss eines Eistees. Enthalte ich mich vormittags kleiner Naschereien, so kann die Vorfreude auf eine Nachspeise schon Genuss sein


Genuss für Fortgeschrittene: Probier doch mal was Neues aus!

In Sachen Genuss meinen wir oftmals ganz gut Bescheid zu wissen, was uns glücklich macht oder gut tut. Aber auch hier verfällt man schnell in eine Routine. Dabei lebt Genuss auch von der Abwechslung. Und manchmal gibt es auch Dinge, von denen wir gar nicht (mehr) wissen wir schön sie sind. Die kleinen Genussmomente wahrnehmen und schätzen können ist wohl ein wichtiger Schlüssel zur Zufriedenheit. Genau das kann man lernen und deshalb gibt es jetzt eine kleine Auswahl an möglichen Genussmomenten. Kleine Dinge, die sehr groß sein können! Probiert aus, was euch wirklich gefällt und zur inneren Ruhe bringt.

 

Sich in ein frisch bezogenes Bett zu legen

  im Frühjahr zum ersten Mal wieder im Freien sitzen können (Garten, Schanigarten, Park,…)

 nach einem anstrengenden Tag nach Ha

 nach einem Spaziergang durch beißende Kälte heißen Tee trinken

durch einen schönen Morgen zur Arbeit radeln

ein langes, ausgiebiges Frühstück

der Geruch von frischem Gebäck

Tomaten essen, die nach Tomaten schmecken

an einem heißen Tag ins kühle Wasser schwimmen gehen

ein frischer Blumenstrauß auf dem Tisch

 die Erschöpfung nach dem Sport

die Sonne auf dem Körper spüren

dem Rauschen des Regens oder eines Flusses lauschen

in heißes Vollbad mit einer Duftsprudeltablette

Sonne, die aus den Wolken hervorbricht 

Katzen oder Hunde beim Spielen beobachten oder mit dem Hund spazieren gehen

nach 498 erklommenen Stufen an der Turmspitze ankommen

ein Nachmittag in der Hängematte

nach einem heißen Tag sich völlig verschwitzt unter die Dusche zu stellen

20 Minuten Mittagsschlaf

der Duft von blühendem Flieder

ein Rubbellos abrubbeln

das Versinken in Musik

Barfuß gehen (Wiese, Sandstrand, Herbstlaub,…)

Jemanden streicheln oder von jemandem gestreichelt werden

 einer Spieluhr lauschen

 laue Sommernächte

der Geruch nach einem Sommergewitter

 in einem Kaffeehaus sitzen und Kaffee oder Tee trinken

(alleine) durch die Stadt bummeln

herzlich lachen können

ein Freitagabend vor einem entspannenden Wochenende

 der erste Schluck nach einem längeren Durstgefühl

Blumen und Grünpflanzen gießen oder Gartenarbeit

Sternenhimmel anschauen

Blick durch ein frisch geputztes Fenster

feststellen, dass es noch viel mehr Genussmomente gibt


In diesem Sinne, genießt euch, genießt das Leben!

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