Aus der Reihe “Hippe Sachen im Bioladen”: Was ist drin und dran am Kokosöl?

Wenn ich so durch die Regale meines Bio-Ladens um die Ecke streife, schwanke ich zwischen Faszination und Belustigung. Es gibt so viele “neue” Produkte auf dem Markt, die so vieles versprechen und gehyped werden bis zum umfallen. Da ich von Natur aus skeptisch bin, werde ich eine neue Lesereihe ins Leben rufen und ein paar dieser gesundheitlichen Wunderwaffen etwas näher unter die Lupe nehmen. Auf Wunsch einer lieben Freundin, ist das heutige Thema “Das native Kokosöl”, welches mittlerweile ganze Regale in Supermärkten füllt. Ein Dank an dieser Stelle für die Inspiration! 🙂

 

Das Produkt und seine Inhaltsstoffe

 

Oh Wunder, oh Wunder, der Hauptbestandteil von Kokosöl ist Fett!

Ganz genau gesagt:

  • Laurinsäure:44 – 52 %
  • Caprinsäure:6 – 10 %
  • Caprylsäure:5 – 9 %
  • Myristinsäure:13 – 19 %
  • Palminsäure:8 – 11 %
  • Stearinsäure:1 – 3 %
  • Ölsäure (einfach ungesättigte FS):5 – 8 %
  • Linolsäure (mehrfach ungesättigte FS):0 – 1 %
  • Caprinsäure:6 – 10 %
  • Caprylsäure:5 – 9 %
  • Myristinsäure:13 – 19 %
  • Palminsäure:8 – 11 %
  • Stearinsäure:1 – 3 %
  • Ölsäure (einfach ungesättigte FS):5 – 8 %
  • Linolsäure (mehrfach ungesättigte FS):0 – 1 %
Ein kleiner Schwank Vorweg: Als das gute Insulin zur Senkung des Blut-Zucker-Spiegels entdeckt wurde bzw. hergestellt werden konnte, kam Fett sehr in Verruf und galt als Sündenbock für Herzinfarkte und sonstiges Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Mittlerweile wissen wir es etwas besser und das Fett erstrahlt in neuem Glanze (dafür kommt der Zucker jetzt radikal schlecht weg) Denn:
Fett ist nicht gleich Fett UND wir brauchen es für unsere Gesundheit!
Eine Abhandlung darüber wie viel wir von welchem Fett brauchen, führt hier leider zu weit. Kurz und einfach gesagt: Unser Körper braucht sowohl
  • gesättigte Fette,
  • als auch einfach ungesättigte Fettsäuren
  • und mehrfach ungesättigte Fettsäuren
Wie so oft im Leben, die Mischung machts!
Im Kokosöl finden wir hauptsächlich mittelkettige, gesättigte Fettsäuren (MCTs). Lange hatten diese in der Ernährungswissenschaft einen schlechten Ruf und galten als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das konnte nur nie wirklich nachgewiesen werden, so dass gesättigte Fettsäuren heutzutage stark rehabilitiert werden. Fakt ist schließlich, wir brauchen sie alle, ob nun gesättigt oder ungesättigt.

Laurinsäure und Caprinsäure killen Bakterien, Pilze & Viren

Laurinsäure, als Hauptbestandteil, und Caprinsäure haben die Eigenschaft, die schützende Lipidmembran von Bakterien und Viren zu durchdringen und somit die Schädlinge von innen heraus zu zerstören. Somit stärkt v.a. Laurinsäure das Immunsystem und hilft dem Körper, sich gegen Krankheiten und Schädlinge selbst zu wehren. Der Körper kann diese Säure in der benötigten Menge nicht selbst produzieren. Dieser Fakt ist mittlerweilse wissenschaftlich sehr gut belegt. Auf die guten Bakterien des Darms sollen die Fettsäuren allerdings keinen Einfluss haben. Aufgrund seiner antimikrobiellen und auch antientzündlichen Wirkung, wird Kokosöl auch gerne in der Kosmetik und bei Hauterkrankungen wie Akne oder Neurodermitis eingesetzt. Es gilt besonders auch bei Hundebesitzern als die Wunderwaffe gegen Zeckenbisse (auf Hundis Fell).

Kokosöl und Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Wie bereits erwähnt, galten gesättigte Fette lange Zeit als DER Risikofaktor für Herzerkrankungen. Der Tenor lautete: Gesättigte Fettsäuren erhöhen das “schlechte” LDL-Cholesterin, senken das gute HDL-Cholesterin, und fördern arteriosklerotische Vorgänge im Körper. Die über vier Jahrzehnte anhaltende Forschung über die Wechselwirkungen zwischen Kokosöl als Nahrungsbestandteil und Herzerkrankungen kam im Großen und Ganzen zu dem Ergebnis, dass eher das Gegenteil der Fall ist. Kokosöl soll das Risiko Arteriosklerose zu bekommen senken! Zumindest geht die Tendenz dahin.
Es wurden ein Haufen Bevölkerungsstudien gemacht, heisst man untersuchte Menschen in Kokosnusöl-reichen Ländern hinsichtlich ihrer Fettwerte und tauschte für eine Weile das Kokos-Öl gegen Maisöl aus. Ergebnis war, dass das “gute” HDL-Cholesterin im Schnitt sank, was hinsichtlich Herz-Kreislauf-Erkrankungen ziemlicher Mist ist. Es sei allerdings gesagt, dass Studien natürlich gern mal etwas hinken. Der Körper ist ja ein anpassungsfähiges Ding und möglicherweise reagiert jemand, der seit jeher Kokosnussöl konsumiert, anders als wir Fischköpfe, für die das Thema recht neu ist. Die Ernährungswissenschaft muss da noch eine ganze Menge forschen, aber Fakt ist, dass Länder, in denen reichlich Kokosnuss konsumiert wird, Herzkreislauf-Erkrankungen nicht so ein großes Thema sind wie hierzulande.

Kokosöl und das Thema Demenz

Alzheimer und Demenz werden wohl leider noch große Themen werden zukünftig, und daher ist der Nutzen des Öls diesbezüglich sehr interessant, auch für unsere Generation, da die Therapiemöglichkeiten im Moment noch sehr begrenzt sind. Sehr früh, oft schon viele Jahre, bevor sich die ersten Anzeichen einer Demenz bemerkbar machen, ist der Zuckerstoffwechsel des Gehirns gestört. Steht den Hirnzellen zu wenig Zucker (Glucose) zur Verfügung, kommt die Energieversorgung ins Stocken. Ohne ausreichend „Brennstoff“ funktionieren weder die Signalübermittlung noch die „Müllabfuhr“ richtig. Die für Alzheimer typischen schädlichen „Abfälle“ (Amyloid-Plaques) und defekten Zellstrukturen (Neurofibrillenbündel) häufen sich an, erste Funktionsausfälle treten auf. Irgendwann gehen die Zellen daran zugrunde und das Hirn schrumpft. Was haben jetzt die Fette damit zu tun? Interessanterweise kann unser Gehirn neben Glucose auch noch eine alternative Energiequelle nutzen – die so genannten Ketone. Unser Körper kann beispielsweise in Hungerzeiten, wenn wir keine Kohlenhydrate – und damit auch keine Glucose – zu uns nehmen, aus gespeicherten Fettsäuren Ketone bilden und so das Gehirn trotz Glucose-Mangel mit Energie versorgen. Genau das können MCTs! Da aber eine ordentliche Menge MCTs gebraucht wird in der Therapie und dieses sehr teuer wäre, wird viel dazu geforscht das ganze effizienter machen zu können. Interessant ist es aber allemal!

Kokosöl und der Ernährungstherapeutische Einsatz

In der Diätetik sind diese Fette nichts Neues. Bei der Behandlung von Fettverwertungsstörungen haben sie bereits eine lange Tradition. Denn im Gegensatz zu den in der Nahrung überwiegend vorkommenden langkettigen Triglyceriden (LCT) werden MCTs leichter verdaut. Der Körper kann sie ohne Gallensäuren und fettspaltende Enzyme (Lipasen) der Bauchspeicheldrüse aufschließen. Die Fettsäuren mit sechs bis zehn Kohlenstoffatomen sind wasserlöslich, werden direkt ins Blut aufgenommen und gelangen im Gegensatz zu langkettigen Fettsäuren ohne Transporthelfer über das Pfortaderblut zur Leber. Daher eignen sich MCTs bei allen Erkrankungen, die mit einem Mangel an Gallensäuren oder Lipasen einhergehen. Dazu zählen beispielsweise Erkrankungen der Gallenwege, Leber, Bauchspeicheldrüse oder die zystische Fibrose (Mucoviszidose). Aber auch, wenn ein Teil des Dünndarms entfernt wurde, bei Morbus Crohn oder bei einer Blockade des Lymphabflusses aus dem Darm helfen MCTs, Fettstühle sowie die damit verbundenen Unverträglichkeitsreaktionen zu vermindern und die Energiezufuhr zu erhöhen.
Auch der Insulinhaushalt wird positiv unterstützt. Denn erstens wird für den Transport der MCTs durch die Zellmembran hindurch in die Zellen kein Insulin benötigt. LCTs aus anderen Pflanzenölen sind dagegen auf Insulin als Transportmittel angewiesen, um in die jeweiligen Zellen zu gelangen. Zweitens sind im Zusammenhang von Insulinstoffwechsel und Kokosfett die gesättigten Fettsäuren hervorzuheben. Pflanzliche Öle enthalten einen relativ hohen Prozentsatz mehrfach ungesättigter Fettsäuren. Diese sind ausgesprochen anfällig für Oxidationsprozesse. Das Resultat: ein hohes Maß von Sauerstoffspezies (freie Radikale)! Mehrfach ungesättigte Fettsäuren sind Bestandteil aller Zellmembranen und aller Zellorganellen umgebenden Membranen. Oxidierte Fettsäuren in den Zellmembranen führen zu Störungen des gesamten Stoffwechsels – z. B. zu Blockaden der Insulin-Signalübertragung

Kokosnussöl in der Kritik: Was ist dran?

Da alles im Leben zwei Seiten hat, gibt es neben zahlreichen “Juhus” natürlich auch einige Negativstimmen bzgl. des Wunderöls. Man muss immer bedenken, dass hinter jeder Aussage und jeder Studie auch gewisse Interessengruppen stecken. Wird ein Produkt in den Himmel gelobt oder verrissen, hat das unter Umständen weitreichende Konsequenzen für die Ernährungs- und Pharmaindustrie.
Kritikpunkt 1: Kokosöl werde auch in der Industrie eingesetzt und diene als Beimischung zu Dieselkraftstoff.
Viele Pflanzenöle werden auch industriell genutzt, abhängig von ihren spezifischen Eigenschaften (Siehe Rapsöl). Daraus eine Kritik an ihren ernährungsphysiologischen Eigenschaften oder Wirkungen ableiten zu wollen, ist sehr fraglich.
Kritikpunkt 2: Natives Kokosöl sei im Gegensatz zu gehärtetem nicht zum Braten und Frittieren geeignet, weil sein Rauchpunkt nur bei rund 150 °C liege.
Stimmte dieser Wert, würde es sich zumindest zum Dünsten, sanften Braten (ab 140 °C) und Kurzbraten etwa für Fisch (ab 120 °C) eignen, was sowieso gesünder ist. Allerdings schwanken die Angaben zum Rauchpunkt von Kokosöl sehr stark, vermutlich rangieren sie wie bei anderen Ölen auch in einem weiten Bereich, je nach Ernte und Charge und Verarbeitung. Letztlich kann man auch mit nativem Kokosöl Braten und Frittieren, es schäumt und raucht aber schneller. Im Übrigen dürfte natives Kokosöl aufgrund seines Preises ohnehin kaum zum Frittieren verwendet werden.
Kritikpunkt 4: Unser Verdauungstrakt sei an größere Mengen MCTs nicht gewöhnt, sodass es „schnell zu Unverträglichkeitsreaktionen“ wie Übelkeit, Erbrechen und Durchfall kommen könne.
Naja, da könnte was dran sein, aber das ist nahezu bei jedem ungewohnten Produkt mit hoher Nährstoffkonzentration so. Der Körper ist ein Gewohnheitstier und daher gilt es sich behutsam heranzutasten. Und btw, Inhaltsstoffe wie Laktose oder Fruktose produzieren unter Umständen ähnliche Beschwerden bei übermäßiger Aufnahme. Es geht ja nicht darum “viel hilft viel”.
Kritikpunkt 5: Außer „beim diätetischen Einsatz“ gebe es keine Belege für die Wirksamkeit von Kokosöl bei schweren Erkrankungen. Es helfe z. B. nicht bei Alzheimer.
Hier wird es schwierig. Natürlich heilt Kokosöl ansich vermutlich keine Erkrankungen wie Alzheimer. So einfach läuft es im Leben ja leider nicht. Und ja, hierzu muss noch einiges erforscht werden, aber die Tendenzen scheinen in eine hilfreiche Richtung zu gehen und es gibt keinen Grund, die bislang vorliegenden Fallberichte, Erfahrungen und kleinen Studien zu ignorieren, die meßbare Verbesserungen kognitiver und/oder Alltags-Fähigkeiten nach der diätetischen Anwendung von MCT-Ölen und/oder Kokosöl zeigten. Hinsichtlich Prävention und Abmilderung des Symptome halte ich weitere Forschungen für sehr lohnend.
Kritikpunkt 7: Es wird bezweifelt, dass Kokosöl im Rahmen einer kohlenhydratreduzierten bzw. ketogenen Ernährung hilfreich bei Diabetes, Krebserkrankungen und anderen Stoffwechselstörungen sein kann.
Kohlenhydratreduzierte Kostformen entsprächen nicht „den Empfehlungen der Ernährungswissenschaftler“, so wird es manchmal noch formuliert. Dies ist eine unbegründete Behauptung, die rein gar nichts belegt. Fakt ist, dass es mittlerweile Hunderte von Studien gibt, die sehr positive Effekte kohlenhydratarmer Diäten bei Diabetes und Fettstoffwechselstörungen belegen. Hier denkt die Ernährungsmedizin gerade um und der Zucker löst allmählich das Fett als “Sündenbock”. Mal abwarten, was in 10 Jahren so los ist.

Mein persönliches Fazit:

Wie so oft, ist die Bewertung eines Lebensmittels bzw. deren Inhaltsstoffe immer auch eine Frage der Erwartungshaltung. Ich bin kein Fan vom Schwarz-Weiß-Denken und bin sehr dafür das Ganze differenziert zu betrachten. Wir müssen bedenken, dass wir gaaaanz vieles schlichtweg noch nicht wissen und noch eine Menge geforscht werden muss, was in der Ernährungswissenschaft nicht ganz leicht ist. Dazu kommt, jeder Mensch ist anders, und allgemeingültige Aussagen sind immer schwer zu treffen. Vor allem weil ein Lebensmittel isoliert betrachtet, schwer bewertet werden kann. Wenn ich rauche wie ein Schlot, saufe und wenig schlafe, hat es das nahrhafteste Lebensmittel schwer.
Kokosöl heilt vermutlich weder schwere Krankheiten, noch macht es uns für immer schlank & schön. Für mich ist Kokosöl aber ein sehr interessantes Produkt, das eine Bereicherung für den Speiseplan darstellen kann. Wichtig ist hier wie gesagt immer die Kombination der Fette aus einfach ungesättigten (Olivenöl), gesättigten (Kokos) und mehrfach ungesättigen Fettsäuren (das gute Omega-3-Fett aus z.B. Leinöl oder Fischen wie Makrele). Wie genau diese Kombi am besten für uns ist, bleibt noch etwas abzuwarten und ist möglicherweise auch individueller Natur.
Interessant und erschreckend zugleich ist aber mit welchen entgegengesetzten Aussagen der Ernährungslehrende, und natürlich auch der Verbraucher, leben muss. Es gibt nämlich eine regelrechte “Anti-Kokosöl-Mafia”, die immer noch und unbedingt von gesättigten Fettsäuren abrät. Aber nicht aus gesundheitlichen Gründen, sondern wie so oft vermutlich eher aus Interessenskonflikten heraus. Interessant ist, dass die meisten der aufgeführten positiven Eigenschaften und Wirkungen des Kokosöls schon seit vielen Jahrzehnten bekannt sind – wie die Daten vieler Studien zeigen – man sie also lediglich unter den Tisch fallen liess, um uns stattdessen aufwändig hergestellte Industrieöle aus mittlerweile teilweise gentechnisch veränderten Saaten wie Sojaöl, als besonders gesund aufzuschwatzen. Dass der eigentlich Übeltäter in Sachen Gesundheit bzw. Krankheit mit aller Wahrscheinlichkeit der Gehalt an sogenannten Transfettsäuren (in gehärteten Fetten und Ölen) ist, wird gern unter den Tisch gekehrt. Und diese entstehen aus ungesättigten Fettsäuren.

Mein Ernährungstipp:

Eine ausgewogene Kombi aus Ölen wie Kokosnussöl, Olivenöl, Leinöl und Rapsöl (Bio-Qualität), abgerundet durch den Verzehr von fettreichem Seefisch (1-2 mal die Woche). Verarbeitete, gehärtete Fette (in Fertigprodukten) aus ungesättigten Fettsäuren (Transfette) sollten vermieden werden. Und das Gemüse nicht vergessen! (Antioxidantien für die Fettsäuren) Genauere Empfehlungen gebe ich dazu gerne in meiner Praxis.
Ach ja, und im Urlaub nicht allzu lange unter Palmen stehen bleiben. So eine Kokosnuss auf dem Kopf kann nämlich sehr schädlich sein. Da ist sich die Wissenschaft einig!

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